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Ein Traum von einer Weintraube unter der Sonne:
09 August 2008

Von Kasım Engin

 

Ein Traum von einer Weintraube unter der Sonne:
Wenn es so bleibt, wird der Strom zu den Bergen nicht versiegen

 

In letzter Zeit wird viel darüber diskutiert, wie sich die Eintritte in die Guerilla stoppen oder behindern lassen. Bis sich das Bewußtsein ändert, wird noch viel diskutiert werden müssen, denn bis nicht auf eine Frage eine richtige Antwort gegeben wird, ist es nicht möglich, die Beitritte zu stoppen oder zu behindern. Die Frage ist jene: Warum gibt es solche Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen, Verleugnungen und Vernichtung?

 

Der Mensch ist eine schöne Schöpfung uns eigentlich finden sich bei jedem Geschöpf schöne Seiten und jedes verteidigt sich aus seinem Instinkt heraus. Jeder, der die Natur beobachtet hat, weiß, daß da wo Unterdrückung und Mißhandlungen vorkommen, Widerstand entsteht, mag er auch noch so passiv sein. Nehmen wir zum Beispiel eine Frau: Gewöhnen Sie sich nicht an, ihre Frau oder ihre Tochter zu erniedrigen, das ist ein Fehler. Eine Frau mag ihre Stimme nicht erheben, aber wenn Sie sich anschicken, sie auf eine so ehrlose Weise zu benutzen, wird sie sich Ihnen gegenüber nicht gefühlvoll verhalten, sondern lediglich sexuell. So wird das Leben Tag für Tag aufs Neue zum Gefängnis. Wie viele Frauen gibt es, die nicht lächeln? Wie viele Männer gibt es, die Frauen mit einer großen Kinderzahl ins Elend stürzen? Und wie viele Frauen gibt es, die einfach Dinge tun, die ihr Mann nicht mag? Wir könnten noch mehr dazu sagen. All das sind Rachehandlungen. Vergessen Sie das nicht. Es ist genau wie bei einem kleinen Kind dem Unrecht zugefügt wird, dieses Kind kann den Größeren gegenüber seinen Mund nicht aufmachen.
Wenn eine Frau den Nacken beugt, dann tut sie das nicht, weil sie unterjocht ist, sie läßt sich nicht unterjochen, sie tut nur so, als ob sie sich beugte.

 

Schauen Sie sich eine Katze an. Wenn Sie diese auf diese nur ein kleines bißchen Zwang ausüben, wird sie anfangen, sich zu wehren. Nach kurzer Zeit wird sie anfangen zu kratzen, wenn sie versuchen, sie in ihrem Lebensrhythmus einzuengen. Ha, werden Sie jetzt sagen, es gibt so viele Menschen, die ihre Stimme nicht erheben, wenn sie Unrecht ausgesetzt sind. Ich sage einfach, daß auch Sie zu denen gehören, die so denken.

 

Nehmen Sie es nicht als etwas normales hin, daß Menschen ihren Mund nicht aufmachen, ihr Schweigen kommt aus der Ausweglosigkeit. Wenn Sie wollen, daß es zu einem Aufstand kommt, der von allen wahrgenommen wird, braucht es dazu eines außergewöhnlich starken Willens und auch wenn ein starker Wille notwendig sein sollte, muß noch ein Boden vorhanden sein, auf dem ein Aufstand ausbrechen kann. Das heißt, damit Gegenwehr gegen erlebte Unterdrückung auch gezeigt werden kann, muß es erst einmal Alternativen geben. Wo es keine Alternativen gibt, stoßen wir oftmals auf Schweigen. Sie können dann Verleugnungen, Beleidigungen, Flüche, Händeküssen und Knicksen vorfinden. Aber vergessen Sie nicht, auch das sind wiederum nur Irreführungen.

 

Wir wissen um die Sklavenaufstände in der Geschichte und wir haben davon gehört, wie an verschiedenen Orten Sklaven ihre Werkzeuge verbrannt oder zerstört haben. Und wir haben auch davon gelesen, wie in der revolutionären Phase des industriellen Zeitalters Arbeiter die Maschinen angesteckt und zerstört haben. Das wurde „Chartismus“ genannt und an Schulen gelehrt. Aber heute wissen wir, daß alles Schweigen ebenso wie das Anzünden und Zerstören von Maschinen eine Form der Rache ist.

 

Ich möchte noch ein paar weitere Beispiele geben: Heute begehen in Südkurdistan viele Mädchen Selbstmord. Sie verbrennen sich oder setzen ihrem Leben auf andere Weise ein Ende. Aber vergessen Sie nicht, daß das eine Form der Rache ist. All das tut eine Frau aufgrund der Greueltaten ihres Mannes, sie rächt sich dafür. Niemand will Selbsttötungen verteidigen. Selbstverbrennungen sind nicht richtig. Aber wenn Frauen wie Tiere auf dem Markt verkauft und bis zum letzten benutzt werden, dann ist das, was sie tun, kein Selbstmord. Wenn sich die Verhältnisse nicht ändern und wenn die Kraft nicht ausreicht, dann sind Selbstmorde und Selbstverbrennungen eine ernstzunehmende revolutionäre Handlung.

 

Mit Sicherheit ist das menschliche Leben das Wertvollste überhaupt. Aber wenn das Leben eines Menschen zur Hölle gemacht wird, dann ist es notwendig, diese Höllenfahrt zu stoppen. Es wird Bewegung entstehen. Und wenn gewalttätige Männer wie wir, Frauen dazu zwingen, sich zu prostituieren und wir an dieser Praxis festhalten, dann ist die notwendige Antwort ehrenvolle Rache, eben die Rache der Frau.

 

Um diese zu beenden tritt ein Selbstverteidigungsreflex hervor. Mit den Worten des Vorsitzenden APO die ‚Rosentheorie’. So wie die Rose zu ihrer Selbstverteidigung Dornen hat, so reagiert ein Mensch auf Unterdrückung mit Gegenwehr und Aufstand. Mit diesen Worten möchte ich zu meinem Punkt kommen. Zur Zeit befindet sich die türkische Generalität in einer intensiven Diskussion darüber, wie sich die Guerilla Eintritte stoppen lassen. Wenn die türkische Generalität, türkische Politiker und die die Einrichtungen, die mit dem Spezialkrieg beschäftigt sind die Eintritte in die Guerillaeinheiten stoppen wollen, müssen erst einmal die oben angesprochenen Punkte zu einer Lösung gebracht werden, anderenfalls lassen sich die Eintritte nicht verhindern.

 

Wenn man mich fragt, was die schönen Seiten der Guerilla seien, so sage ich, daß sie für jeden eine Alternative zu bieten hat zu allen Arten von Unterdrückung und Grausamkeit. Mit ihr ist ein Platz geschaffen worden, wo alle Wut, Haß und Rachegedanken zur Sprache gebracht werden können. Aus vollem Halse zu schreien, das ist keine so leichte Sache. Es ist nicht die Sache eines jeden jungen Mädchens aus vollem Halse „Ich will nicht!!!“ zu schreien, wenn die Eltern sie mit einem ungeliebten Mann verheiraten wollen. Es sollte Sie verwundern, daß auf den Bergen die, die sie als die ärmsten und schwächsten kennen aus vollem Halse „Ich will nicht!“ schreien.

 

Nicht anders ist es, wenn ein Polizist Sie beleidigt und ohrfeigt, so werden sie vor Ort ihre Stimme nicht erheben. Wenn aber auf den Bergen irgendein Miesling wüste Beschimpfungen ausstößt, so können Sie sich auf die Art wehren, die Ihnen am meisten zusagt. Auf den Bergen ist das Schreien unzensiert, weil die Berge ein Ort des Schreiens sind. Ich kann noch fortfahren. Wenn Ihr Chef Sie ungerecht behandelt, müssen Sie den Mund halt denn wenn Sie etwas erwidern, finden Sie sich im Heer der Arbeitslosen auf der Straße wieder. Aber auf den Bergen können Sie mit Ihren Spießgesellen uneingeschränkt und lauthals gegen Ihren Chef aufschreien.

 

Kurz gesagt, die Berge sind der Ort, wo der Mensch seine Stimme gegen alle Arten von Unterdrückung erheben kann, hier werden Sie nicht zulassen, daß jemand von oben auf Sie herabsieht. Eigentlich stimmt der letzte Satz so nicht. Er müßte eigentlich folgendermaßen lauten. Hierher sind Menschen gekommen, weil man auf sie herabgesehen hat, aber hier kann niemand auf den anderen herabsehen. Wenn jemand das täte, würde er dafür die Rechnung für nicht genossenschaftliches Verhalten präsentiert bekommen. Hier verhalten sich die Menschen auf einem bestimmten Niveau und niemand ist verpflichtet, sich von anderen etwas gefallen zu lassen, es gibt Alternativen. Und hier müssen Sie sich niemandem beugen. Ganz im Gegenteil. Hier gilt das Sich-Beugen als etwas ganz unanständiges. Und vielleicht ist das Kuschen für einen Guerillero das Entwürdigendste überhaupt. Und wenn sich bei Ihnen noch ein Restchen Kuschertum findet, wird man Sie auf Ihrer ersten Selbstkritik-Plattform gemeinsam mit Speichelleckern und anderen Sich-Beugern zu Boden schmettern.

 

Das Schweigen, das in der Gesellschaft so beliebt ist, findet sich hier nirgendwo. Hier wird es geliebt, klipp und klar seine Meinung zu sagen und so wird es immer bleiben. Denn die, die auf die Berge kommen sind gerade zum Teil deswegen gekommen.
Kann die Generalität, die angeblich den Strom auf die Berge aufhalten will, eine Lösung für das oben angesprochene finden? Ich denke nicht. Sogar das Gegenteil dessen ist richtig. Dieses Kuschen gegen Ungerechtigkeit, Leugnen und Vernichten, ohne eigene Sprache belassen, in den Schatten stellen, die Stimme und den Atem abwürgen, gehört zum Selbstverständnis der hierarchischen und auf Gewalt fußenden Gesellschaft. Das heißt, den Generälen, die von oben auf andere herabsehen, ihnen keinen Wert beimessen, die treten, schikanieren und erniedrigen widerspricht es vom eigenen Selbstverständnis her, andere Wege zu gehen.

 

Wenn Sie das nicht glauben, dann werfen Sie nur einmal einen Blick auf die Soldaten. Gibt es überhaupt einen Menschen der die Generäle mit ihrem eigenen Gang und Ton nicht in Unruhe versetzte? Angefangen beim kalten Blick bis hin zur eisigen Sprache reflektiert alles an ihnen immerzu die Kultur der Vergewaltigung und daß sie nicht freundlich gesonnen sind, wird jedem auf den ersten Blick klar.
Ja, wie wir schon sagten, mit den Bergen ist ein Ort des geraden Blickes geschaffen worden. Wenn es heute eine Guerilla gibt, dann ist sie die Quelle dieser Geisteshaltung. Erinnern wir uns an E. Goldmanns berühmten Satz „Ein Traum von einer Weintraube unter der Sonne“: Wenn es so bleibt, wird der Strom zu den Bergen nicht versiegen.
Warum träumt der Mensch? Träume und Utopien gibt es, wenn in der Realität etwas fehlt. Eben diese Träume und Utopien sind der Grund dafür, daß die Jugend auf die Berge geströmt ist und daß sie auch weiterhin dorthin strömt, läßt die Hoffnung weiter bestehen. Besonders für diejenigen, die sich nicht die Stimme und den Atem abschneiden lassen wollen, bieten die Berge jederzeit eine sichere Zuflucht.
Wenn heute tausende fest entschlossener junger Menschen allen Schwierigkeiten und den arg begrenzten Möglichkeiten zum Trotz bis zum letzten Tropfen Blut Widerstand leisten, ist der Hauptgrund der, daß sie tief in ihrem Inneren eine freundliche Stimme gefunden haben und die Möglichkeit, frei und machtvoll zu schreien.

 

Und ich möchte es noch einmal wiederholen: Die Berge sind für jeden aber wirklich jeden in Kurdistan der Ort den Traum von einem freien Leben und die Utopie eines stolzen Menschen zu verwirklichen.
Manche möchten nach der Revolution reichlich Raum zum Tanzen. Wir möchten dieses nicht erst nach der Revolution sondern sobald wir es geschafft haben, den Kopf zu heben, wollen wir einen verrückten Halay-Tanz aufführen. Und keine, absolut keine Kraft kann unseren unsterblichen und ehrenvollen Halay-Tanz stoppen, denn um ihn zu tanzen haben wir noch viele andere Gründe.

 
 
         
 
 

 

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