Von Kasım Engin
Ein Traum von einer
Weintraube unter der Sonne:
Wenn es so bleibt, wird der Strom zu den Bergen nicht versiegen
In letzter Zeit wird viel darüber diskutiert, wie sich die Eintritte
in die Guerilla stoppen oder behindern lassen. Bis sich das
Bewußtsein ändert, wird noch viel diskutiert werden müssen, denn bis
nicht auf eine Frage eine richtige Antwort gegeben wird, ist es
nicht möglich, die Beitritte zu stoppen oder zu behindern. Die Frage
ist jene: Warum gibt es solche Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen,
Verleugnungen und Vernichtung?
Der Mensch ist eine schöne Schöpfung uns eigentlich finden sich bei
jedem Geschöpf schöne Seiten und jedes verteidigt sich aus seinem
Instinkt heraus. Jeder, der die Natur beobachtet hat, weiß, daß da
wo Unterdrückung und Mißhandlungen vorkommen, Widerstand entsteht,
mag er auch noch so passiv sein. Nehmen wir zum Beispiel eine Frau:
Gewöhnen Sie sich nicht an, ihre Frau oder ihre Tochter zu
erniedrigen, das ist ein Fehler. Eine Frau mag ihre Stimme nicht
erheben, aber wenn Sie sich anschicken, sie auf eine so ehrlose
Weise zu benutzen, wird sie sich Ihnen gegenüber nicht gefühlvoll
verhalten, sondern lediglich sexuell. So wird das Leben Tag für Tag
aufs Neue zum Gefängnis. Wie viele Frauen gibt es, die nicht lächeln?
Wie viele Männer gibt es, die Frauen mit einer großen Kinderzahl ins
Elend stürzen? Und wie viele Frauen gibt es, die einfach Dinge tun,
die ihr Mann nicht mag? Wir könnten noch mehr dazu sagen. All das
sind Rachehandlungen. Vergessen Sie das nicht. Es ist genau wie bei
einem kleinen Kind dem Unrecht zugefügt wird, dieses Kind kann den
Größeren gegenüber seinen Mund nicht aufmachen.
Wenn eine Frau den Nacken beugt, dann tut sie das nicht, weil sie
unterjocht ist, sie läßt sich nicht unterjochen, sie tut nur so, als
ob sie sich beugte.
Schauen Sie sich eine Katze an. Wenn Sie diese auf diese nur ein
kleines bißchen Zwang ausüben, wird sie anfangen, sich zu wehren.
Nach kurzer Zeit wird sie anfangen zu kratzen, wenn sie versuchen,
sie in ihrem Lebensrhythmus einzuengen. Ha, werden Sie jetzt sagen,
es gibt so viele Menschen, die ihre Stimme nicht erheben, wenn sie
Unrecht ausgesetzt sind. Ich sage einfach, daß auch Sie zu denen
gehören, die so denken.
Nehmen Sie es nicht als etwas normales hin, daß Menschen ihren Mund
nicht aufmachen, ihr Schweigen kommt aus der Ausweglosigkeit. Wenn
Sie wollen, daß es zu einem Aufstand kommt, der von allen
wahrgenommen wird, braucht es dazu eines außergewöhnlich starken
Willens und auch wenn ein starker Wille notwendig sein sollte, muß
noch ein Boden vorhanden sein, auf dem ein Aufstand ausbrechen kann.
Das heißt, damit Gegenwehr gegen erlebte Unterdrückung auch gezeigt
werden kann, muß es erst einmal Alternativen geben. Wo es keine
Alternativen gibt, stoßen wir oftmals auf Schweigen. Sie können dann
Verleugnungen, Beleidigungen, Flüche, Händeküssen und Knicksen
vorfinden. Aber vergessen Sie nicht, auch das sind wiederum nur
Irreführungen.
Wir wissen um die Sklavenaufstände in der Geschichte und wir haben
davon gehört, wie an verschiedenen Orten Sklaven ihre Werkzeuge
verbrannt oder zerstört haben. Und wir haben auch davon gelesen, wie
in der revolutionären Phase des industriellen Zeitalters Arbeiter
die Maschinen angesteckt und zerstört haben. Das wurde „Chartismus“
genannt und an Schulen gelehrt. Aber heute wissen wir, daß alles
Schweigen ebenso wie das Anzünden und Zerstören von Maschinen eine
Form der Rache ist.
Ich möchte noch ein paar weitere Beispiele geben: Heute begehen in
Südkurdistan viele Mädchen Selbstmord. Sie verbrennen sich oder
setzen ihrem Leben auf andere Weise ein Ende. Aber vergessen Sie
nicht, daß das eine Form der Rache ist. All das tut eine Frau
aufgrund der Greueltaten ihres Mannes, sie rächt sich dafür. Niemand
will Selbsttötungen verteidigen. Selbstverbrennungen sind nicht
richtig. Aber wenn Frauen wie Tiere auf dem Markt verkauft und bis
zum letzten benutzt werden, dann ist das, was sie tun, kein
Selbstmord. Wenn sich die Verhältnisse nicht ändern und wenn die
Kraft nicht ausreicht, dann sind Selbstmorde und Selbstverbrennungen
eine ernstzunehmende revolutionäre Handlung.
Mit Sicherheit ist das menschliche Leben das Wertvollste überhaupt.
Aber wenn das Leben eines Menschen zur Hölle gemacht wird, dann ist
es notwendig, diese Höllenfahrt zu stoppen. Es wird Bewegung
entstehen. Und wenn gewalttätige Männer wie wir, Frauen dazu zwingen,
sich zu prostituieren und wir an dieser Praxis festhalten, dann ist
die notwendige Antwort ehrenvolle Rache, eben die Rache der Frau.
Um diese zu beenden tritt ein Selbstverteidigungsreflex hervor. Mit
den Worten des Vorsitzenden APO die ‚Rosentheorie’. So wie die Rose
zu ihrer Selbstverteidigung Dornen hat, so reagiert ein Mensch auf
Unterdrückung mit Gegenwehr und Aufstand. Mit diesen Worten möchte
ich zu meinem Punkt kommen. Zur Zeit befindet sich die türkische
Generalität in einer intensiven Diskussion darüber, wie sich die
Guerilla Eintritte stoppen lassen. Wenn die türkische Generalität,
türkische Politiker und die die Einrichtungen, die mit dem
Spezialkrieg beschäftigt sind die Eintritte in die Guerillaeinheiten
stoppen wollen, müssen erst einmal die oben angesprochenen Punkte zu
einer Lösung gebracht werden, anderenfalls lassen sich die Eintritte
nicht verhindern.
Wenn man mich fragt, was die schönen Seiten der Guerilla seien, so
sage ich, daß sie für jeden eine Alternative zu bieten hat zu allen
Arten von Unterdrückung und Grausamkeit. Mit ihr ist ein Platz
geschaffen worden, wo alle Wut, Haß und Rachegedanken zur Sprache
gebracht werden können. Aus vollem Halse zu schreien, das ist keine
so leichte Sache. Es ist nicht die Sache eines jeden jungen Mädchens
aus vollem Halse „Ich will nicht!!!“ zu schreien, wenn die Eltern
sie mit einem ungeliebten Mann verheiraten wollen. Es sollte Sie
verwundern, daß auf den Bergen die, die sie als die ärmsten und
schwächsten kennen aus vollem Halse „Ich will nicht!“ schreien.
Nicht anders ist es, wenn ein Polizist Sie beleidigt und ohrfeigt,
so werden sie vor Ort ihre Stimme nicht erheben. Wenn aber auf den
Bergen irgendein Miesling wüste Beschimpfungen ausstößt, so können
Sie sich auf die Art wehren, die Ihnen am meisten zusagt. Auf den
Bergen ist das Schreien unzensiert, weil die Berge ein Ort des
Schreiens sind. Ich kann noch fortfahren. Wenn Ihr Chef Sie
ungerecht behandelt, müssen Sie den Mund halt denn wenn Sie etwas
erwidern, finden Sie sich im Heer der Arbeitslosen auf der Straße
wieder. Aber auf den Bergen können Sie mit Ihren Spießgesellen
uneingeschränkt und lauthals gegen Ihren Chef aufschreien.
Kurz gesagt, die Berge sind der Ort, wo der Mensch seine Stimme
gegen alle Arten von Unterdrückung erheben kann, hier werden Sie
nicht zulassen, daß jemand von oben auf Sie herabsieht. Eigentlich
stimmt der letzte Satz so nicht. Er müßte eigentlich folgendermaßen
lauten. Hierher sind Menschen gekommen, weil man auf sie
herabgesehen hat, aber hier kann niemand auf den anderen herabsehen.
Wenn jemand das täte, würde er dafür die Rechnung für nicht
genossenschaftliches Verhalten präsentiert bekommen. Hier verhalten
sich die Menschen auf einem bestimmten Niveau und niemand ist
verpflichtet, sich von anderen etwas gefallen zu lassen, es gibt
Alternativen. Und hier müssen Sie sich niemandem beugen. Ganz im
Gegenteil. Hier gilt das Sich-Beugen als etwas ganz unanständiges.
Und vielleicht ist das Kuschen für einen Guerillero das
Entwürdigendste überhaupt. Und wenn sich bei Ihnen noch ein Restchen
Kuschertum findet, wird man Sie auf Ihrer ersten Selbstkritik-Plattform
gemeinsam mit Speichelleckern und anderen Sich-Beugern zu Boden
schmettern.
Das Schweigen, das in der Gesellschaft so beliebt ist, findet sich
hier nirgendwo. Hier wird es geliebt, klipp und klar seine Meinung
zu sagen und so wird es immer bleiben. Denn die, die auf die Berge
kommen sind gerade zum Teil deswegen gekommen.
Kann die Generalität, die angeblich den Strom auf die Berge
aufhalten will, eine Lösung für das oben angesprochene finden? Ich
denke nicht. Sogar das Gegenteil dessen ist richtig. Dieses Kuschen
gegen Ungerechtigkeit, Leugnen und Vernichten, ohne eigene Sprache
belassen, in den Schatten stellen, die Stimme und den Atem abwürgen,
gehört zum Selbstverständnis der hierarchischen und auf Gewalt
fußenden Gesellschaft. Das heißt, den Generälen, die von oben auf
andere herabsehen, ihnen keinen Wert beimessen, die treten,
schikanieren und erniedrigen widerspricht es vom eigenen
Selbstverständnis her, andere Wege zu gehen.
Wenn Sie das nicht glauben, dann werfen Sie nur einmal einen Blick
auf die Soldaten. Gibt es überhaupt einen Menschen der die Generäle
mit ihrem eigenen Gang und Ton nicht in Unruhe versetzte? Angefangen
beim kalten Blick bis hin zur eisigen Sprache reflektiert alles an
ihnen immerzu die Kultur der Vergewaltigung und daß sie nicht
freundlich gesonnen sind, wird jedem auf den ersten Blick klar.
Ja, wie wir schon sagten, mit den Bergen ist ein Ort des geraden
Blickes geschaffen worden. Wenn es heute eine Guerilla gibt, dann
ist sie die Quelle dieser Geisteshaltung. Erinnern wir uns an E.
Goldmanns berühmten Satz „Ein Traum von einer Weintraube unter der
Sonne“: Wenn es so bleibt, wird der Strom zu den Bergen nicht
versiegen.
Warum träumt der Mensch? Träume und Utopien gibt es, wenn in der
Realität etwas fehlt. Eben diese Träume und Utopien sind der Grund
dafür, daß die Jugend auf die Berge geströmt ist und daß sie auch
weiterhin dorthin strömt, läßt die Hoffnung weiter bestehen.
Besonders für diejenigen, die sich nicht die Stimme und den Atem
abschneiden lassen wollen, bieten die Berge jederzeit eine sichere
Zuflucht.
Wenn heute tausende fest entschlossener junger Menschen allen
Schwierigkeiten und den arg begrenzten Möglichkeiten zum Trotz bis
zum letzten Tropfen Blut Widerstand leisten, ist der Hauptgrund der,
daß sie tief in ihrem Inneren eine freundliche Stimme gefunden haben
und die Möglichkeit, frei und machtvoll zu schreien.
Und ich möchte es noch einmal wiederholen: Die Berge sind für jeden
aber wirklich jeden in Kurdistan der Ort den Traum von einem freien
Leben und die Utopie eines stolzen Menschen zu verwirklichen.
Manche möchten nach der Revolution reichlich Raum zum Tanzen. Wir
möchten dieses nicht erst nach der Revolution sondern sobald wir es
geschafft haben, den Kopf zu heben, wollen wir einen verrückten
Halay-Tanz aufführen. Und keine, absolut keine Kraft kann unseren
unsterblichen und ehrenvollen Halay-Tanz stoppen, denn um ihn zu
tanzen haben wir noch viele andere Gründe.